Nach der Einschätzung von Prof. Jürgen Ulrich, Richter am LG Dortmund a.D., nimmt die Bedeutung von Privatgutachten im Gerichtsverfahren deutlich zu. Während der gerichtliche Sachverständige vom Gericht herangezogen wird, beauftragt bei einem Privatgutachten eine Partei den Sachverständigen zur unabhängigen Tatsachenermittlung. Lange Zeit hat die Rechtsprechung vorgelegte Privatgutachten lediglich als „qualifizierten Parteivortrag“ eingestuft. Ulrich zufolge nutzen Richter heute Privatgutachten durchaus gerne, sofern es einem gerichtlichen Gutachten von Aufbau und Gehalt her entspreche. Anders als bei einem gerichtlichen Gutachten gelte es zwar nicht als Beweismittel, es untersützte jedoch die richterliche Sachkenntnis in so hohem Maße, dass ein Gerichtsgutachter nicht mehr notwendig sei.

Liegen in einem Verfahren sowohl ein Privatgutachten als auch ein gerichtliches Gutachten vor, so dürfe sich der entscheidende Richter nicht einfach ohne Begründung auf das gerichtliche Gutachten verlassen. Viel mehr müssen die Einwände aus dem privaten Gutachten untersucht werden, um den Sachverhalt weiter aufzuklären.
(Quelle: Der Immobilienbewerter, 4/2020, S. 20)